

Stefan Graf
Vom Wert der Zeit
Vom Wert der Zeit

Bald im deutschen Buchhandel erhältlich.
„Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“
Seneca
Wenn Simon auf sein Leben zurückblicke, so begann er nicht bei den großen Orten, sondern bei den kleinen Prägungen.
Er war in einem konservativen Elternhaus aufgewachsen. Ordnung, Pflichterfüllung, Zurückhaltung galten mehr als Selbstentfaltung. Gefühle wurden nur ansatzweise verhandelt, Entscheidungen nicht diskutiert. Es war ein Halt gebendes Umfeld – und zugleich eines das wenig Raum ließ für Zweifel oder Umwege.
Sein Abitur an einer konfessionellen Jungenschule war mittelmäßig. Nicht aus Mangel an Fähigkeit, sondern aus Mangel an Leidenschaft. Er lernte, was verlangt wurde, manchmal etwas weniger und vermied, aufzufallen. Rückblickend war das vielleicht seine erste Strategie: sich anpassen, um voranzukommen. Es war keine Rebellion, sondern ein stilles Mitgehen. Damals erschien ihm das klug.
Die Ausbildung für den Dienst im Amt war der erste bewusste Schritt hinaus in ein eigenes Leben, ein Leben, dessen Verlauf er nicht einschätzen konnte. Er war von zuhause aus behütet und lebensunerfahren. Die Ausbildung bot ihm Struktur, Perspektive und die Möglichkeit, die Welt zu sehen, ohne sich selbst allzu sehr preiszugeben. Er lernte über die langen Jahre, professionell zu sein, Distanz zu wahren und Rollen auszufüllen. Es war ein Beruf, der ihm lag. Vielleicht gerade deshalb, weil er persönliche Zurückhaltung belohnte.
Es gibt einen Moment im Leben, in dem die Zeit ihr Gesicht verändert. Sie läuft nicht schneller oder langsamer – sie wird anders. Sie wird still, weit, persönlich.
Ein solch ein einschneidender Moment ist der Eintritt in den Ruhestand. Es ist ein ganz persönlicher Moment. Es ist ein bewusster Moment des Innehaltens. Eine Fermate.
Der Ruhestand kam nicht plötzlich. Er war absehbar. Der Zeitpunkt stand schon lange Zeit im Voraus fest. Gleichwohl überraschte er, als seine Zeit gekommen war. Er kündigte sich an wie ein leiser Abendwind nach einem langen Tag. Simon hatte ihn nicht herbeigesehnt, aber doch ein wenig gefürchtet. Er war neugierig und unsicher zugleich. Denn zum ersten Mal seit vielen Jahren musste er morgens nicht wissen, wofür er seine Zeit verwenden würde. Das war ungewohnt. Sie lag einfach da. Ungeteilt. Ungeplant. Frei. Und reichlich davon.
Lange Zeit hatte die Zeit ihm gehört – oder er glaubte es zumindest. In Wahrheit war sie verteilt: an Aufgaben, Erwartungen, Termine, Verantwortung. Erst als all das weniger wurde, begann er zu spüren, was Zeit eigentlich ist. Er wurde sich bewusst, dass Zeit kein Gegner war, kein Maß hatte, keinen Druck aufbaute. Zeit schaffte ihm Raum, den er beliebig füllen konnte. Zeit war wie eine Währung, die er besaß, ohne sie sparen zu können.
Diese Erzählung ist nicht nur ein Rückblick auf ein Arbeitsleben. Es ist der Versuch einer Annäherung an das, was danach kommt. An Abschiede und Anfänge, an Reisen nach außen und nach innen, an Orte, die verändern, und an eine Zeit, die nicht mehr eilt.
Simon hatte gelernt, dass der Wert der Zeit nicht in ihrer Länge liegt, sondern in ihrer Nähe. Wie nah er sich selbst war. Wie achtsam er lebte. Wie offen er war für das, was ihn erwartete.
Der Ruhestand ist kein Ende. Ruhestand ist die Essenz dessen, was wirklich zählt.
Simon stand nun nicht mehr im Dienst eines Amtes. Aber vielleicht mehr denn je im Dienst seines eigenen Lebens.